Deaflympics 2017 in Samsun – Höhen und Tiefen eines Sportevents

Deaflympics 2017 in Samsun - Eröffnungsfeier - Olympisches FeuerVom 18.07. bis 30.07. fanden die diesjährigen Deaflympics, die Olympischen Sommerspielen der Gehörlosen, bzw. Hörgeschädigten, in Samsun statt. Die Spiele waren mit einem enormen Vorbereitungsaufwand verbunden, wie bisher kein anderes Sportevent in der Türkei. So wurden bspw. zahlreiche neue Sportanlagen errichtet und viele Einwohner Samsuns erlernten im Vorfeld Grundlagen der Gebärdensprache. Das Radsportteam, bestehend aus drei Frauen (Isabelle-Sophie Boberg, Luise Jungnickel, Bianca Metz) und drei Männern (Peter Hiltl, Carsten Poerschke, Kilian Deichsel), sowie einem Fachwart (Steffen Kern), einem Mechaniker (Enrico Heinowsky), einer Trainerin (Johanna Mohr), und einer Physiotherapeutin (Jette Müller) reiste am 16.07.2017 nach Samsun.

Bereits zur Eröffnungsfeier am 18.07. begann der interkulturelle Austausch, indem man vor den Toren des neu erbauten Stadions, mit Sportlern anderen Nationen Pins tauschte und mittels Gebärdensprache kommuniziert . Gegen 20 Uhr startete der phänomenale Einmarsch der Deaflympioniken auf der Bühne im Herzen des Stadions. Anschließend folgten der Fackellauf und das Anzünden des Olympischen Feuers. Die Spiele konnten beginnen.

Der 1000 Meter Sprint mit starken Windböen

Deaflympics 2017 in Samsun - Jette Müller montiert Kilian Deichsel StartnummerBereits am 19.07., einem Tag nach der Eröffnungsfeier, stand für die deutschen Radfahrer Peter Hiltl, Carsten Poerschke, Kilian Deichsel und Isabelle-Spohie Boberg der 1000 Meter Sprint auf dem Programm. In der Qualifikationsrunde reichten die Zeiten der Männer leider nicht für einen Platz unter den besten 16 von 45 Teilnehmern. Peter Hiltl ist auf Platz 17 sehr knapp daran gescheitert. Die beiden Zeitfahrspezialisten Kilian Deichsel und Carsten Poerschke setzten mit respektablen Zeiten eine gute Vorlage, um beim Einzelzeitfahren anzugreifen.

Bei den Frauen war nur Isabelle-Sophie Boberg vertreten, die die Qualifikationsrunde mit einem guten 8. Platz beendete. Im Achtelfinale trat Isabelle-Sophie Boberg gegen die neuntplazierte Ksenia Kalibina aus Russland an. Leider wehte der Wind das ganze Rennen über sehr böig, weshalb es für die Athleten schwer war, sich darauf einzustellen. So wurde leider auch Isabelle-Sophie Boberg in der letzten Kurve von einer Windböe ein wenig zur Seite geschoben, wodurch sich die Russin Kalibina absetzen konnte. Isabelle-Sophie Boberg konnte zwar im Schlusssprint nochmal gut aufholen, für einen Sieg reichte es letztlich jedoch knapp nicht. Entgegen der vom Bahnrad bekannten Regeln, wurde beim Sprint auf der Straße nur ein Sprint pro Durchgang gefahren und nicht wie üblich drei. Somit schied Isabelle-Sophie Boberg damit endgültig aus.

Das Zeitfahren und die Muskelverletzung

Deaflympics 2017 in Samsun - Peter Hiltl beim Start des EinzelzeitfahrenAm Freitag, den 21.07. machte Carsten Poerschke um 9:07 Uhr den Anfang, gefolgt von Peter Hiltl um 9:14 Uhr. Um 9:24 ging Kilian Deichsel als letzter männlicher deutscher Radfahrer auf die 50 km lange Zeitfahrstrecke. Kurz vor der Wende musste Carsten Poerschke leider das Rennen aufgrund einer Muskelverletzung beenden. Peter Hiltl und Kilian Deichsel schafften es auf den respektablen 8. und 11. Platz von insgesamt 43 Teilnehmern.

Für diesen Wettkampftag pausierte Isabelle-Sophie Boberg, dafür gingen Bianca Metz und Luise Jungnickel in der Nachmittagshitze, aber bei weniger Wind als bei den Herren, an den Start. Beide konnten auf der 38 km langen Strecke leider nicht ihre Bestform abrufen und erreichten trotz eines respektablen Geschwindigkeitsdurchschnitts von ca. 40 km/h nur die Plätze 8 (Bianca Metz) und 9 (Luise Jungnickel) von insgesamt 14 Starterinnen.

Das Straßenrennen mit unseren HoffnungsträgerInnen

Deaflympics 2017 in Samsun - Aufwärmen vor dem Straßenrennen der FrauenAm Sonntag stand das 70 (Frauen) bzw. 100km lange Straßenrennen auf einer Schnellstraße über die Kleinstadt Bafra verlaufend auf dem Plan. Der Favorit des deutschen gehörlosen Radteams war Peter Hiltl. Carsten Poerschke konnte wegen seiner Muskelverletzung leider nicht am Straßenrennen teilnehmen. Glücklicherweise war zusätzlich der Fachwart Steffen Kern beim Straßenrennen nominiert, wodurch er zusammen mit Kilian Deichsel bei wertvoller Führungsarbeit Peter Hiltl unterstützen konnte. Steffen Kern fuhr für sein Team in den ersten 50 km wichtige und entscheidende Löcher zu und war dann kurz nach der Hälfte der Strecke am Ende seiner Kräfte, weshalb er geplanter Weise frühzeitig aus dem Rennen ausschied. Daraufhin übernahm Kilian Deichsel die Führungsarbeit von Steffen Kern. Leider konnten sich drei andere Fahrer von der Masse absetzen, einen wichtigen Vorsprung holen und damit die ersten drei Ränge einfahren. Für die beiden letzten deutschen Fahrer ging es nun um den 4. Platz. Im Sprintspurt kam Peter Hiltl mit sechs weiteren Fahrern, unter anderem mit dem Europameister Steeve Touboul, zeitgleich ins Ziel und erreichte damit einen 7. Platz. Kilian Deichsel kam kurze Zeit später durch Ziel.

Die drei Frauen starteten um 15 Uhr auf der 70 km langen Strecke. Auch hier galt Isabelle-Sophie Boberg als Favoritin des Damenteams. Das Rennen wurde sehr verhalten gestartet. Nach 20 km setzte eine Japanerin eine Attacke im Anstieg, die das Feld zerriss. An dieser Stelle stieg Luise Jungnickel geplanter Weise aus. Bianca Metz bemerkte dies zu spät und kam nicht mehr ans Feld heran. Somit war Isabelle-Sophie Boberg für den Rest der Strecke auf sich alleine gestellt und kam mit ihrem taktischen Gespür gut durch das Rennen. Drei Kilometer vor dem Ziel kam es bei den Frauen zu einem Sturz, in dem leider auch Isabelle-Sophie Boberg verwickelt war. Sie stürzte über eine andere Fahrerin, wodurch sie sich glücklicherweise lediglich Schürfwunden am Rücken zuzog und ihr Rad nur leicht beschädigt wurde. Danach konnte sie relativ schnell wieder aufstehen und fuhr anschließend mit einer Russin, die ebenfalls stürzte, gemeinsam die letzten Kilometer, um auf dem undankbaren zehnten Platz zu landen.

Zwei Mountainbikes und eine Holzmedaille

Deaflympics 2017 in Samsun - Gruppenfahrt mit Türkischen FahrernGenau einen Tag nach dem Straßenrennen, weshalb Luise Jungnickel auch frühzeitig am Vortag ausstieg stand das Mountainbikerennen, ihr wichtigster Wettkampf, am Plan. Diesmal sollte ihr Isabelle-Sophie Boberg bei der Führungsarbeit Hilfestellung leisten. Bei den Herren gab es keinen deutschen Starter. Die Strecke verlief zweimal um einen See mit 270 Höhenmetern und mit bis zu 21% steilen Anstiegen. Gleich am ersten langen und steilen Anstieg konnten sich zwei Russinnen absetzen, während Luise Jungnickel mit der Japanerin Kumi Jayase die Verfolgergruppe bildete. Isabelle-Sophie Boberg musste auf Grund ihrer Verletzung am Ende der ersten Runde aufgeben, wodurch Luise Jungnickel nun auf sich allein gestellt war. Nach der ersten Runde hatte Luise Jungnickel zwar einen relativ großen Abstand auf die Japanerin auf Platz 3. Ab dem zweiten großen Anstieg hatte sie mit erheblichen technischen Problemen zu kämpfen, da ihr Schalthebel abfiel und sie die restliche Strecke mit nur einem Gang bestreiten musste. Somit war jegliche Aufholarbeit mit erheblichem Krafteinsatz verbunden und sie musste sich leider am Ende – sichtlich enttäuscht – mit dem undankbaren 4. Platz zufrieden geben.

Das letzte Rennen...

Am fünften und letzten Wettkampftag, an dem das 50 km Kriterium auf dem Plan standen, kam es zu einer ungeplanten Kehrtwende. Auf Grund der Verletzung von Carsten Poerschke sprang bei den Männern Steffen Kern kurzfristig ein. Kurz nach dem Start ging es gleich sprintartig zu und die Masse wurde vor der Vollendung des zwei Kilometer Rundkurses in 3 Gruppen aufgeteilt. Diese zogen sich dann im Laufe des Rennens immer weiter auseinander. Peter Hiltl war auch für dieses Rennen der Favorit, Kilian Deichsel und Steffen Kern übernahmen die entsprechenden Helferrollen. Bereits in der ersten Runde musste Peter Hiltl aus gesundheitlichen Gründen leider abbrechen. Nach einigen Runden wurde die Situation immer unübersichtlicher, so dass sich auch Steffen Kern geschlagen geben musste, während Kilian Deichsel mit 0 Punkten dennoch zu Ende fuhr. Ein persönliches Lob und Anerkennung des Fachwartes hat sich Kilian Deichsel dennoch verdient, da er als einziger Finisher die deutschen Farben vertreten hatte.

Deaflympics 2017 in Samsun - Siegerehrung der Frauen beim Kriterium - Bronze

Bis dato noch ohne einzige Medaille lag die letzte Hoffnung auf dem 40 km Kriterium der Damen. Auch bei den Frauen wurden, wie bei den Straßenrennen, am Vorabend die Rollen verteilt. Isabelle-Sophie Boberg als Kapitänin sollte sich an die Spitze vorfahren, während Bianca Metz und Luise Jungnickel ihr Rückendeckung geben und kurze Erholphasen vom Sprint ermöglichen sollten. Nach wenigen Runden in diesem Modus, in denen Isabelle-Sophie Boberg wichtige Punkte ergatterte und auf Platz zwei vor fuhr, gab es eine starke Attacke der Venezolanerin, der vorerst niemand mehr folgen konnte. Nachdem Isabelle-Sophie Boberg zwischendurch mit Krämpfen zu kämpfen hatte, hatte Bianca Metz für sie Führungsarbeit geleistet, während Luise Jungnickel immer wieder gegen zwei Russinnen den Kampf aufnahm und ihnen wichtige Punkte abfuhr. Dadurch wurde der Punktabstand der Russinnen zu Isabelles-Spophie Boberg im Kampf um Platz drei stabilisiert und gesichert. Dann konnte sich die Chinesin Xiaowen Xu von der Verfolgergruppe lösen und begann den spannenden Kampf mit der Venezolanerin. Isabelle-Sophie Boberg konnte inzwischen ihre Krämpfe lösen und sammelte in den letzten Runden noch einmal wichtige Punkte, um sich die Bronzemedaille zu sichern. Gleichzeitig schaffte es Luise Jungnickel nach wie vor, den starken russischen Fahrerinnen wichtige Punkte zu klauen, wo sie selbst auf einen respektablen 6. Platz vorfahren konnte. So gelang es den Damen am letzten Wettkampftag endlich die lang ersehnte Medaille durch eine enorm starke Teamleistung zu holen.

Der letzte Tag in Samsun

Deaflympics 2017 in Samsun - Gruppenfoto

Am letzten und einzigen freien Tag in Samsun wurde das Radsportteam von der Familie des türkischen Volunteers zum Essen eingeladen. Das gesamte Team genoss diesen interkulturellen Austausch und schätze die immense Gastfreundschaft sehr.

Am Donnerstag, den 27.07. reiste das deutsche Radsportteam nach Hause.

Im Namen des deutschen Gehörlosen Radsportteams möchten wir uns bei allen Beteiligten und ehrenamtlichen Helfern herzlich bedanken!

Das deutsche Team holte insgesamt 4x Gold, 5x Silber und 3x Bronze. Herzlichen Glückwunsch!

Der Deutsche Gehörlosen Radsport

 

 

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